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Branchen-Insights | Lesedauer: ca. 3 Min.
04.06.2018

Universitätskirche in Leipzig.

(Rolf Mauer) Am Augustusplatz in Leipzig wurde im Dezember 2017 ein architektonisch herausragender Gebäudekomplex fertiggestellt. Er setzt sich aus dem Neuen Paulinum, also der Aula und der Universitätskirche St. Pauli, und dem Neuen Augusteum zusammen.

Ansicht aus der Froschperspektive: Dachverglasung der neuen Universitätskirche Leipzig.

Dort, wo sich heute das Augusteum befindet, stand einst ein gleichnamiger Bau, der 1831 bis 1836 errichtet und im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt wurde. Er diente als Hauptgebäude der Universität Leipzig. Seine Fassade ging auf einen Entwurf Karl Friedrich Schinkels zurück. Direkt daneben befand sich die Paulinerkirche. Sie wurde 1240 als Klosterkirche errichtet und ging nach der Auflösung des Klosters (1544) an die Universität Leipzig über. Ein Jahr später weihte Martin Luther sie als erstes evangelisches Gotteshaus in Deutschland. Hier spielten Bach und Mendelssohn an ihrer Kirchenorgel.

IRückseitige Fassade der neuen Universitätskirche Leipzig.Erick van Egeraat stellt mit seinem Entwurf die Umrisse der alten Kirche wieder her.m Gegensatz zu allen anderen Gebäuden der Universität überstand das Gotteshaus beide Kriege weitestgehend unbeschadet. Doch weder historischer Hintergrund noch architektonische Unversehrtheit nutzten ihm. Denn im Mai 1968 lässt die DDR-Regierung die Paulinerkirche sprengen. Das Augusteum wird abgerissen. Auf den so frei gewordenen Platz stellten die Machthaber einen grauen Zweckbau im sozialistisch-nüchternen Stil. Doch auch dieser ist in Leipzig nach ungefähr 30 Jahren nicht mehr erwünscht und so schreibt man einen Wettbewerb zur Neu- und Umgestaltung des innerstädtischen Universitätskomplexes aus, den das Rotterdamer Architekturbüro Erick van Egeraat gewinnt.

Der Wettbewerbsentwurf schafft es, einerseits der Geschichte des Baugrundes und andererseits den heutigen Anforderungen eines Universitätsbetriebes gerecht zu werden. Die Fassade ist geprägt durch das Wechselspiel von Kalkstein und vertikalen Fensterlisenen, wobei ihre Anordnung an entsprechender Stelle die Umrisse der gesprengten Kirche nachempfindet. Eine gotische Rosette und ein Spitzbogenfenster sind ebenfalls Reminiszenzen an das alte Bauwerk.

Innenraum der neuen Universitätskirche Leipzig mit raumteilender Glas-Schiebetür.Dank einer beweglichen Schiebewand kann der Innenraum in zwei Bereiche getrennt werden.

Im Inneren zeigt sich: Auch in der Aula mit Andachtsraum nimmt der Architekt das Thema Paulinerkirche auf und zitiert mit verschiedenen Gebäudeelementen deren Gestaltung. Dank einer beweglichen Schiebewand kann dieser Gebäudeteil in zwei Räume getrennt werden und ist somit optimal für Gottesdienste, akademische Festakte und Konzerte geeignet.

Im Hauptgebäude sind repräsentative Bereiche der Universität, Institutseinrichtungen und administrative Funktionen untergebracht. Schnell fällt auf, dass die Farbe Weiß und das Material Glas bei dem Gebäude eine wichtige Rolle spielen. Erick van Egeraat verwendet Farbe wie auch Material immer wieder in seiner Architektur. So zum Beispiel beim Übergang vom Paulinum zum Neuen Augusteum. Hier plante er ein 36 Meter hohes Glaselement ein, an dem sich zudem ein 6 Meter langes Element mit einer Neigung von 63° anschließt, das dadurch nahezu nahtlos in die Dachfläche übergeht.

Eingangsfassade der neuen Universitätskirche Leipzig mit zahlreichen Glaselementen.Die Fassade ist geprägt durch das Wechselspiel von Kalkstein und vertikalen Fensterlisenen.

Das Problem: Zum Zeitpunkt des Entwurfs gab es keine Verglasung, mit der diese Konstruktion realisierbar gewesen wäre – zumal die Brandschutzvorschriften der Sächsischen Bauordnung und eine Sonderbautenverordnung berücksichtigt werden mussten. Zusammen mit dem Brandschutzspezialisten HOBA wurde eine Brandschutzverglasung mit Absturzsicherheit in der Einbaukategorie A entwickelt. Bei der Einbaukategorie A werden Personen nur durch die Verglasung, also ohne weitere Geländer, vom Sturz gehindert. Um die immense Höhe von 36 Meter zu erreichen, verbanden die verantwortlichen Ingenieure die Elemente in der Größe von ca. 2,5 × 5 Meter durch eine einseitige Riegelkonstruktion lastabtragend an die Betonstirnkante.

Erst durch die Zusammenarbeit vieler Fachleute konnte somit ein außergewöhnliches Bauwerk entstehen. Der spektakuläre Neubau vollendet den neuen Unicampus mit Mensa und Bibliothek.

Alle Bilder auf dieser Seite: © HOBA

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